"Die Liebe ist geduldig und freundlich..."
Das Wort Liebe wird in den unterschiedlichsten Bedeutungen gebraucht. Es gibt die erotische Liebe, die Liebe der Mutter zu ihrem Kind oder die Liebe zu einem Freund oder zu den Eltern. Was ist in diesem Artikel mit Liebe gemeint? Mit Liebe meine ich hier einen Umfassenden Begriff, wie er oft von Religionen gebraucht wird. Was ich genau damit meine ist schwer zu sagen. Die Bibel sagt zum Beispiel dazu: „Die Liebe ist geduldig und freundlich. Sie sucht nicht den eigenen Vorteil. Sie rechnet das Böse nicht an. Sie glaubt alles, sie hofft alles, sie erduldet alles“, 1.Kor. 13.
Diese Definition der Bibel geht sehr stark in die Richtung, wie ich Liebe verstehe. Geduldig sein. Freundlich sein. Nicht den eigenen Vorteil im Blick haben, sondern auch die Anderen Menschen. Das Böse nicht anrechnen, also vergeben. Dem Anderen vertrauen, also alles glauben. Die Hoffnung für den Anderen nicht aufgeben. Und auch bereit sein etwas zu ertragen, das gut für einen Anderen ist (sie erduldet alles). Die Basis für Liebe ist, dass man andere so behandelt, wie man selbst auch behandelt werden möchte. Das in allen Situationen umzusetzen ist schon ein riesiger Schritt hin zur Liebe. Andere nicht zu verletzen, Rücksicht zu nehmen und vor allem nicht als erstes an sich selbst zu denken. Aber das ist nur der erste Schritt.
Noch ein Beispiel: Person 1 tötet Person 2 "ich habe ihn erschossen, weil ich ihn so geliebt habe und es nicht ertragen konnte, ihn mit einem anderen Partner zu sehen". Das Beispiel passt nicht in mein Verständnis von Liebe und wahrscheinlich auch nicht in das allgemeine Verständnis von Liebe. Das ist keine Liebe, da geht es nur um mich selbst "ICH konnte es nicht ertragen". Liebe sieht aber gerade den Anderen.
„Liebe deinen nächsten wie dich selbst“
Das ist ein Satz, der auch oft einseitig gesehen wird: „Andere nicht zu verletzen, Rücksicht zu nehmen und vor allem nicht als erstes an sich selbst zu denken.“ Die Bibel drückt das anders aus: „liebe deinen nächsten wie dich selbst“. Dieser Satz der Bibel trifft meine Erfahrungen und meine Meinung zum Thema „sich selbst und andere lieben“ sehr gut. Der zweite Teil „wie dich selbst“ darf nicht vergessen werden. Die Liebe zu sich selbst gehört zur Liebe zu den anderen Menschen mit dazu. Und auch die Psychologie weiß, dass man Andere nur richtig lieben kann, wenn man auch sich selbst liebt. In der Bibel steht nicht „liebe den Anderen mehr als dich selbst“ oder „liebe den nächsten mehr als alles Andere“. Sie sagt „wie dich selbst“. Die Liebe zu sich selbst gehört mit dazu. Sonst kann man auch den Anderen nicht lieben. Wieso kann man den Anderen nicht lieben, wenn man sich selbst nicht liebt? Darauf wird im Folgenden eingegangen.
„Liebe ist eine Lebenseinstellung, eine Erkenntnisstufe“
Die Religionen gehen noch einen Schritt weiter, und das sehe ich auch so: Es geht letztlich gar nicht, dass man sich selbst und ein paar andere raussucht und diese Menschen liebt und die Anderen Menschen nicht liebt. Wenn man liebt, dann liebt man alles. Nicht nur einzelne Menschen. Liebe ist eine Lebenseinstellung, eine Erkenntnisstufe. Entweder man liebt das Leben an sich, die Tiere, die Welt, das Universum, oder es ist keine Liebe. Es ist nicht das, was ich (und die Religionen) unter liebe verstehen und was ich am Anfang des Artikels genauer beschrieben habe.
Was ist damit gemeint, „man kann nicht nur einen oder ein paar Menschen lieben“, wie lässt sich das erklären? Um das zu beantworten fangen wir einen Schritt früher an: Was ist nötig, um jemand zu verzeihen, ihn lieb zu haben obwohl er Mist gemacht hat? Man muß sich in den Anderen hinein versetzen können. Sobald man das kann, sobald man versteht, dass der Andere nur so handelt, weil er zum Beispiel Angst hat nicht gemocht zu werden oder weil er selbst total verletzt ist, sobald man das versteht, kann man ihm auch verzeihen. Weil man dann weiß, dass der Andere das nicht aus Bosheit getan hat, sondern dass er vielleicht selber arm dran ist, weil er nicht lieben kann, nicht verzeihen kann, weil er uns wehtun ‚muß’.
„Um jemanden lieben zu können, braucht man die Fähigkeit, sich in den Anderen hinein zu versetzen“
Um jemand zu verzeihen und um jemand lieben zu können, braucht man also die Fähigkeit sich in den Anderen hinein versetzen zu können. Wenn man das nicht kann, wie will man andere dann so behandeln, dass man sie nicht verletzt? Wenn man gar nicht weiß, was ihnen gut tut, was ihnen weh tut, womit man sie verletzt? Das hineinversetzen in den Anderen ist eine nötige Grundvoraussetzung dafür, andere lieben zu können. Um überhaupt erstmal zu wissen, was der Andere braucht und wie er behandelt werden möchte. Um überhaupt erstmal zu wissen, was es heißt, ihn zu lieben. Was das in der Praxis bedeutet, ihn zu lieben. Dafür muß ich mich in ihn hineinversetzen können.
„Indem man sich selbst kennenlernt, versteht man die ganze Schöpfung“
Wie bekommt man jetzt diese Fähigkeit, sich in einen anderen hineinzuversetzen? Das hängt ganz stark mit der eigenen Entwicklung und der Selbsterkenntnis zusammen. In dem man sich selbst besser kennen lernt, weiß was einem selbst gut tut, warum man wie handelt und was weh tut, lernt man durch sich selbst die ganze Menschheit und auch die Schöpfung, die Tiere und die Pflanzen kennen. Man lernt sie kennen in dem Sinne, dass man ihre Bedürfnisse versteht, weil man seine eigenen Bedürfnisse verstanden hat. Das ist der Grund, weshalb die Liebe zu den anderen Menschen so stark mit der Liebe zu sich selbst verbunden ist. Wenn man weiß, was einem selbst gut tut und sich selbst schätzt und liebevoll behandelt, dann ist der Schritt das auch für andere zu verstehen und zu wissen und dann automatisch auch danach zu handeln nicht mehr groß.
„Aus der Selbsterkenntnis folgt von ganz alleine die Liebe.“
Aus der Selbsterkenntnis folgt also von ganz alleine die Liebe zu allen Menschen. Sobald man sich selbst kennt und weiß was man braucht, was einem gut tut, wird man sich so verhalten dass man diese Dinge möglichst auch bekommt. Je mehr man sich dann selbst versteht, umso mehr versteht man auch die anderen Menschen. Denn die Bedürfnisse sind bei allen Menschen gleich. Und indem man sie versteht und weiß was sie brauchen, und sich selbst gut behandelt kommt man dann automatisch dahin auch andere gut zu behandeln. Weil man weiß dass sie es brauchen, weil man selbst so behandelt werden möchte und weil man weiß wie weh es tun kann, wenn man schlecht behandelt wird.
„Wenn man liebt, dann liebt man alle Menschen, die gesamte Schöpfung. Es ist nicht möglich, nur einzelne Menschen zu lieben.“
Um die Fähigkeit zu haben, nur EINEN anderen lieben zu können, muß man erst mal sich selbst kennen und sich selbst verstanden haben und sich selbst lieben. Um dann über diese Fähigkeit sich selbst zu verstehen auch den Anderen zu verstehen und lieben zu können.
Man wird sich selbst zwangsläufig eher als Andere verstehen und kennenlernen und seine eigenen Bedürfnisse wahrnehmen, weil man mit sich selbst viel mehr Zeit verbringt als mit den Anderen. Und weil man ein viel direkteres Feedback von sich selbst bekommt, wie man sich wann fühlt. Ob es einem gut oder schlecht geht. Und warum es einem so geht. Das weiß man ja bei sich selbst oft schon nicht und erst recht nicht bei Anderen, bevor man es für sich selbst verstanden hat.
Um nur EINEN anderen lieben zu können, muß man also erst mal sich selbst kennen und verstanden haben und sich selbst lieben. Dann kann man auch einen Anderen lieben, weil man ihn versteht, weiß was er braucht und ihm verzeihen kann. Wenn man das jetzt aber von sich selbst weiß und von EINEM anderen, dann weiß man es auch von allen anderen Menschen, weil es bei der Schöpfung überall gleich ist. Alle brauchen liebe. Sobald man das verstanden hat, ist es nicht mehr möglich nur EINEN Menschen zu lieben. Man weiß von allen, was sich brauchen, wie sie behandelt werden möchten und man wird automatisch so handeln. Weil man auch sich selbst kennt und weiß wie man von anderen behandelt werden möchte und sie dann genauso behandelt.
Deswegen ist es nicht möglich, nur einen Menschen zu lieben. Lieben ist eine Lebenseinstellung, eine Erkenntnisstufe. Liebe ist die Liebe zu allen Menschen zur gesamten Schöpfung, sonst ist es keine Liebe.
„Verliebt sein ist egoistisch und sieht die eigenen Bedürfnisse, jemanden zu lieben sieht die Bedürfnisse des Anderen“
Aber was ist es dann, wenn man Schmetterlinge im Bauch hat? Was ist es, wenn man den Anderen soooo toll findet? Es ist nicht das, was Religionen als Liebe bezeichnen würden. Biologisch gesehen sind das bestimmte Hormone, die einen dazu bringen ständig an den Anderen zu denken. Vor kurzem habe ich gelesen, dass bei Liebe die gleichen Hormone ausgeschüttet werden wie bei bestimmten psychischen Krankheiten, ich glaub es war „Schizophrenie“. Man könnte sagen, man ist Skave seiner Hormone und Gefühle. Aber das ist nur die biologische Sicht.
Wie ist es aus der emotionalen Sicht, wenn man Schmetterlinge im Bauch hat und den Anderen soooo toll findet? Aus dieser Sicht braucht man dann den Anderen. Es ist also ein „den Anderen brauchen“. Man will nicht ohne ihn sein, es geht einem schlecht wenn er nicht da ist. Und weil man ihn braucht, tut man alles für ihn. Das ist ein anderer Grund, als ein „den Anderen lieben“. Ich glaube das ist einer der am häufigsten verwechselten Begriffe in unserer Gesellschaft: Jemanden lieben und jemanden brauchen. Wahrscheinlich auch, weil bei der erotischen Liebe zwischen 2 Menschen das eine das Andere ergänzt. Wenn ich aber alles für einen anderen tue, weil ich ihn brauche und ihn nicht verlieren will, dann tue ich das letztlich für mich selbst und nicht für den Anderen. Nicht weil ich die Bedürfnisse des Anderen erkannt habe, sondern weil ich meinem eigenen Wunsch nach Liebe und Geborgenheit oder meinen Gefühlen folge.
Man kann es als verliebt sein bezeichnen, was etwas anderes ist als jemanden zu lieben. Vielleicht kann man es provokant formulieren: Verliebt sein ist egoistisch und jemanden lieben nicht. Beim einen tut man es für sich selbst, beim anderen weil man die Bedürfnisse des Anderen erkannt hat und ihn deshalb so behandelt.
Indem ich also meinen eigenen Wünschen folge, z.B. verliebt bin, bin ich noch nicht so weit, dass ich sowohl mich selbst verstanden als auch den Anderen verstanden habe. Man weiß zwar, was die Hormone einem sagen, aber das kann oft etwas Anderes sein, als was gut für einen ist. Etwas Anderes als das, was man wirklich für Bedürfnisse hat.
„Liebe ist etwas anderes als sich aufzuopfern“
Noch ein wichtiger Punkt fällt mir zur Liebe ein:
Liebe ist etwas anderes als sich aufzuopfern und alles für einen Menschen zu tun. So etwas kann man zwar auch aus Liebe machen, aber in den wenigsten Fällen ist das so. Wenn man alles für einen Menschen tut, fehlt einem meistens schon die Wahrnehmung der eigenen Bedürfnisse und die Liebe zu sich selbst. Man kann sich nicht selbst kaputt machen, damit es einem anderen besser geht. Das macht einen nämlich selbst kaputt und dann kann man den Anderen nicht mehr lieben. Und man liebt sich selbst nicht mehr. Das eine geht nicht ohne das Andere. Weil man einfach fertig ist und im inneren weiß, dass man überfordert ist, und weil man trotzdem weiter macht, liebt man sich nicht mehr. Weil man eigentlich lieber Ruhe hätte und dringend bräuchte. Man handelt also nicht mehr aus liebe, es ist einfach nicht mehr möglich aus Liebe zu handeln, weil die Liebe zu sich selbst fehlt. Es fehlst das sich selbst so zu behandeln, dass es einem nicht schlecht geht.
„Liebe macht frei“
Wer Erfahrungen mit Lieben und mit Hassen gemacht hat, wer anderen verziehen hat und das auch mal eine zeitlang nicht konnte, der stellt fest, dass nicht verzeihen und hassen einen selbst kaputt macht. Es raubt Energie, man ist nicht glücklich und man ist auch nicht frei, solange man hasst und nicht verzeiht. Auch wenn der Hass verdrängt ist, ist er nicht weg. Das weiß mittlerweile auch die Psychologie und Vergebung spielt da eine ganz große Rolle. Wer also diese Erfahrungen selbst gemacht hat, der weiß, dass man nur glücklich und frei ist, wenn man allen vergeben hat und am Besten auch alle Anderen einem selbst vergeben haben. Das Vergeben erfordert Liebe und Verständnis. Und umgekehrt, Liebe erfordert es Anderen zu vergeben. Ohne Liebe ist man also selbst nicht frei und glücklich. Wahrscheinlich kann man auch sagen: je mehr man liebt, umso freier und glücklicher wird man. Weil man sich selbst nichts mehr vorwerfen muß, mit sich selbst im reinen ist und mit allen anderen Menschen. Ein verstehen, lieben, Einssein mit sich selbst, mit der Schöpfung und mit Gott. Das ist die Liebe. Vielleicht ist das gemeint, wenn man sagt „Gott ist die Liebe“. Gott ist alles und die Liebe ist die Einheit von allem. Durch die Liebe kann man Gott erfahren. Durch die Liebe kann man die Einheit erfahren.
„Das Beste was man sich selbst antun kann, ist zu lieben“
Zum Schluß möchte ich auf den Anfang zurückkommen: „Liebe ist Egoismus“. Wie ist das gemeint? Wenn man so weit ist, dass man lieben kann, dass man sich selbst liebt und damit auch alle anderen. Dann weiß man, dass diese Liebe das Beste für einen ist. Sie macht einen frei. Das Beste was man sich selbst antun kann, ist zu lieben. Sich selbst zu lieben und alle Anderen. Ist Liebe also Egoismus, weil sie das Beste ist, das man für sich tun kann?
Und genau an dem Punkt ist jetzt vielleicht mein Gedankenfehler. Das Lieben vor dem Hintergrund dass man weiß, dass es das Beste für einen selbst ist, könnte man als Egoismus bezeichnen. Weil man es für sich selbst tut. Ist das egoismus?
Ich denke nicht. Zunächst muß man sich da Gedanken darüber machen, was egoismus bedeutet. Es bedeutet, etwas für sich zu tun ohne Rücksicht auf Andere. Wenn man nur an sich selbst denkt. Aber das tut man ja gerade nicht mehr wenn man liebt. Es ist zwar das Beste für einen selbst, andere zu lieben. Aber es ist auch das Beste für die Anderen. Das Wort Egoismus bedeutet etwas Anderes. Es impliziert, dass man damit einem Anderen schadet oder zumindest einem Anderen nichts gutes tut. Aber zu lieben tut sowohl einem selbst als auch den Anderen gutes. In dem Sinne widerrufe ich meinen Eingangssatz, lasse ihn aber als Provokation und Schlagzeile oben stehen.
„Andere und sich selbst zu lieben ist das Beste, was man Anderen geben kann“
Andere und sich selbst zu lieben ist zwar gut für einen selbst, aber sie ist auch das Beste, was man anderen tun kann. Eigentlich cool, dass es so was gibt, das für Alle das Beste ist. Liebe kann man geben, ohne dabei etwas zu verlieren. Im Gegenteil, man bekommt so viel zurück. Es ist so ein tolles Gefühl, anderen etwas gutes zu tun.
„nichts kann die Freude ersetzen, die das freiwillige soziale Engagement den Menschen gibt“
Die Glücksforschung hat herausgefunden, dass eine Gesellschaft, ein Land umso glücklicher ist, je mehr Leute sich sozial engagieren. Je mehr Leute also anderen etwas gutes tun, ohne zu fragen was sie selbst dafür bekommen. Das Geben selbst ist die größte Bereicherung, die man sich vorstellen kann. Alleine dadurch, dass ich dem Anderen etwas gutes tue, bekomme ich so viel zurück. Nicht umsonst sagt die Bibel „Geben ist seliger als nehmen“. Das stellt auch die Glücksforschung gerade fest. Im Artikel mit der oben genannten Studie zum Glück habe ich den Satz gelesen „nichts kann die Freude ersetzen, die das freiwillige soziale Engagement den Menschen gibt“.







